„Bitte verzichten Sie auf das Stillen Ihres Sohnes beim Abholen“. – Nein, kein Café, kein Bus – Schauplatz unser Kindergarten!

7. November 2017 — 2 Kommentare


EINE MUT-REDE. Wer mich kennt, weiß, dass ich schlagfertig bin, aber hier war ich außer Gefecht gesetzt:

„Frau Lampenhügel“, sprach mich die Kindergartenleiterin beim morgendlichen Abgeben meiner Kinder an, „haben Sie kurz Zeit“? ‚Ganz kurz‘, dachte ich leicht gestresst; ich wollte pünktlich zur Arbeit kommen. Seit 2 W. bringe ich anstatt Herr Lampenhügel die Kinder morgens weg, da er geschäftlich verreist ist. (Hatte ich heute Muckens Gummistiefel vergessen oder was war los?) Wir trafen uns im Flur wieder. „Auf kurzem Dienstwege“, begann sie, „unterlassen Sie doch bitte das Stillen ihres Sohnes beim Abholen; es könnte jemandem unschön aufstoßen.“ (Pause. Ich: Schock.) „Wir haben hier sensible Familien und die muss man beschützen; dies hier ist schließlich ein öffentlicher Raum“. Mir fiel alles aus dem Gesicht. Sie fuhr fort: „Es kommen auch immer wieder mal Handwerker unangemeldet in den Schlafraum; dem möchten Sie sich sicher nicht aussetzen. …Und ich habe auch keinen anderen Raum für Sie zur Verfügung.“ Dann war sie fertig – und ich auch. „Ob ich das verstehen könne?“ Ich war gelähmt vor Schreck und vor Scham über das, was sie zu mir gesagt hatte. Nichts von dem war für mich nachvollziehbar oder ok. Ich konnte trotzdem nur nicken und ‚jaja‘ herausbringen. Damit war sie sehr einverstanden. Ich verließ das Areal und musste mich draußen erst einmal sammeln. Diese „Bitte“ kam so unerwartet! Zwischen Tür und Angel hatte sie mich mal eben ins Aus geschossen.

In mir rasten Fragen: Wen muss man vor mir … BESCHÜTZEN? Vorm Stillen? Was sind sensible Familien? (WIR z.B.!) …unangemeldete Handwerker im Schlafraum meines Sohnes?!? Hätte sie das alles auch zu mir gesagt, wenn der Muck erst 1 Jahr oder jünger gewesen wäre? Und wer bestimmt, dass man 2,5-jährige Kleinkinder nicht stillen darf in einem öffentlichen Raum? War das hier nicht der Kindergarten? Ein Ort FÜR Kinder? Ich weiß nicht, wie sie dieses Thema einschätzte, vielleicht war es eine kleine ‚unschöne‘ und ungewohnte Angelegenheit, die sie schnell erledigt haben wollte? Für mich aber war es riesengroß, ein diskriminierendes Verhalten! In den insgesamt 4.5 Jahren, die ich schon stille, ist so eine „Bitte“ bisher nie an mich herangetragen worden und ich dachte auch, dass das nicht mehr passieren würde!

Aber es war gar keine Bitte sondern eine StillenAufforderung – ohne Alternative. Hätte sie mir einen anderen Raum angeboten, gesagt, dass es für sie ungewohnt ist oder irgendwas – dann wäre es für mich zwar komisch, aber irgendwie ok gewesen… Aber so..? Ich machte mir sofort Sorgen; ich will meinem Sohn die Brust nicht wegnehmen (lassen), weil jemand anderes mich dazu auffordert! Ich empfinde das als ein Eingreifen in unsere Intimsphäre. Wie sollte dieses bisher gute Kindergartenverhältnis nun überhaupt weitergehen?? Ich musste ihr erklären, wie wichtig das Stillen für uns ist, aber ich fühlte mich ohnmächtig und eigentlich muss ich niemandem irgendetwas erklären!

Dieses ‚Gespräch‘ hatte mir die Sicherheit über mein gutes Gefühl dem Stillen gegenüber entzogen und beeinträchtigte mich nachhaltig. Ich fühlte mich auf der einen Seite schuldig und irgendwie dumm oder zumindest hinterwäldlerisch-naiv und auf der anderen Seite wollte ich meinen Kurs nicht verlassen, denn eigentlich fühlte er sich gut an! Ich weiß wohl, dass ich als Exotin gelte, weil fast niemand in meinem Umfeld sein Kind stillt, das über 1 Jahr alt ist. Insofern kenne ich mich mit Negativresonanz aus dem Bekannten-, und Freundes- und sonstigen Kreisen bestens aus (HIER zu lesen). Eigentlich macht mir das nichts aus, aber manchmal ist es doch schwierig, bei seiner Überzeugung zu bleiben, wenn man immer nur kritisiert wird. Daher meide ich das Thema Stillen, denn ich stille den Muck noch zu Hause; beim Einschlafen und Aufwachen.

Bisherige Stillsituation im Kindergarten:
Seit einigen Tagen darf der Muck nach seiner Eingewöhnung im Kindergarten mittags auch dort schlafen. Ich dachte, dass sich das mittägliche Stillen somit erledigt hätte, da ich ihn wach wähnte, wenn ich komme. Es wäre mir sogar recht gewesen! Er schläft aber als Einziger noch und ist beim Aufwecken sehr sicherheitsbedürftig. Er klammert sich sofort an mich und fragt nach der Brust. Warum sollte ich ihm dieses (natürliche) Bedürfnis verwehren? Ich sitze also täglich mit Abbi, die ich vorher aus ihrer Gruppe abgeholt habe, und dem Muck in dem sonst leeren Schlafraum auf dem Boden. Dort stille ich ihn wenige Minuten, bevor wir aufbrechen. Dafür habe mir selbstverständlich keine Erlaubnis eingeholt! An einem Tag überraschte uns die Kindergartenleiterin und erschrak, als sie mich dort stillend sitzen sah. Ich hatte kein Tuch um mich gelegt, das tue ich nie, aber ich war auch nicht halbnackt!!! Es war ihr aber sichtlich unangenehm. Sie entschuldigte sich sogar bei mir (wofür??) und ging dann flugs. Das wunderte mich: Ich bin dezent und „packe“ weder „aus“ noch „lege auf den Tisch“ oder so! So hatte ich noch nie jemanden ungewollt überrascht! Das Stillen hatte ich in dem Aufnahmebogen des Mucks ausdrücklich angegeben; man hätte bei Anmerkungen oder Fragen also auf mich zukommen können. Nun. Gelegentlich kommt mal ein Kind zu uns in den Raum und spinkst oder spielt mit Abbi. Einmal lag sogar noch ein anderes Kind da und schlief. Viele der Kinder kennen wir privat, das Stillen ist nicht erwähnenswert. Einmal kam ein Kind, das ich nicht so gut kenne, herein, lief um mich herum und fragte dann interessiert, was ich da mache: „Er trinkt an der Brust“ sagte ich. „MEINE Mama hat auch eine Brust“- war die Antwort. Thema erledigt. Ich hatte nie das Gefühl, ein Kind zu verunsichern oder gar jemanden damit zu stören.

Herr Lampenhügel; Retter in der Not
An dem Abend der Bittstellung sprach ich, immer noch betroffen, mit dem weit entfernten Herrn Lampenhügel am Telefon. Er ist leider gerade 2,5 Wochen geschäftlich verreist und tagsüber nicht für Gespräche verfügbar. (So lebt es sich also als alleinerziehende Mutter mit 2 Kleinkindern…; Hut ab!) Nun denn, ich gestand ihm meine Unsicherheit ob der Stillsituation. Inzwischen fragte ich mich sogar, ob ich ihre Aufforderung als Zeichen sehen und sie so annehmen sollte. Seine Reaktion überraschte mich (ein zweites Mal an dem Tag): Er sprang förmlich aus der Hose. Er bejahte meinen Eindruck, dass ihre angegebenen Gründe keine Gründe seien und er bestärkte mich: Er wolle sie gleich am nächsten Morgen anrufen und ihr all die Fragen stellen, die ich ihr nicht stellen konnte. Das fand ich toll!

Nächster Tag
Ich will gar nicht überdramatisieren, aber ich hatte immer noch Bauchschmerzen. Noch bevor wir, Abbi, der Muckmane und ich, am nächsten Morgen zum Kindergarten aufbrachen, berichtete mir mein Mann, dass auch er telefonisch keine zufriedenstellenden Erklärungen von ihr erhalten hatte. Ein baldiger persönlicher Gesprächstermin vor Ort sollte eine Lösung herbeiführen.

Der Gang zum Kindergarten war an dem Tag schwer! Zu meiner Erleichterung begegneten wir ihr nicht. Ich gab die Kinder ab und fuhr mit Bauchschmerzen weiter zur Arbeit; das mittägliche Abholen stand uns ja noch bevor und ich hatte meine Mitte wiedergefunden und (für meinen Sohn) nicht die Absicht „es sein zu lassen“… es brachte mich aber in einen gehörigen Zwiespalt. Mittags war es dann so, dass der Muck (das 1.Mal in seinem Leben) schon wach war, als ich kam! Ich ging sofort mit beiden knatschigen Kindern raus und stillte ihn kurz im Auto. Alles war überhaupt nicht gut! Dann wurden die Kinder krank und wir blieben den Rest der Woche zu Hause. So konnte auch das Stillthema erst einmal ruhen.

Der Gesprächstermin im Kindergarten
Das nächste Zusammentreffen mit der Kindergartenleitung war der anberaumte Gesprächstermin. Alle hatten wohl den Wunsch, eine Lösung zu finden; wir gingen freundlich aufeinander zu. Leider konnte sie unserem Bedürfnis, das Wort ‚beschützen‘ verstehen zu wollen (denn dieses Wort verwendete sie immer wieder), nicht nachkommen und auch die Bedeutung von ’sensiblen Familien‘ blieb uns verborgen, doch die gute Hauptsache war, dass sie nun doch einen Alternativvorschlag ausgearbeitet hatte: Ab jetzt dürfe ich in einem kleinen Nachbarraum stillen! Das war doch eine gute Aussicht! Wir nahmen das Angebot an. Ich hole also erst Abbi ab und wecke dann den Muck. Mit Abbi an der Hand trage ich ihn verschlafen durch den halben Kindergarten und darf ihn dann ungestört (und aus der Sicht) im stillen Kämmerlein stillen. Da sieht uns, also den Muck und das oberes Drittel einer meiner Brüste, keiner.

Mein Fazit:
Durch diesen Vorfall ist mir wieder klar geworden, dass ich auf mein Bauchgefühl hören soll! Das Gesagte hat mich sehr verunsichert und ich habe es als diskriminierend stillenden Frauen gegenüber empfunden! Aber wenn das, was ich tue, meinen Kindern gut tut (und niemand anderem weh), dann ist das richtig, wichtig und gut! In dem Fall ist es das Stillen und ich bleibe trotz aller Unkenrufe dabei. Nur der Muck und ich entscheiden, wie es damit weitergeht! Deshalb bin ich stolz, auch mit der Unterstützung meines Mannes, der „Bitte“ der Kindergartenleitung standgehalten zu haben! Ein komischer Beigeschmack ist da im stillen Kämmerlein, aber es wäre nicht auszumalen gewesen, wenn wir uns überworfen hätten oder gar den Kindergarten hätten wechseln müssen! Wors case!! Denn ansonsten sind wir sehr glücklich dort! So haben wir durch unseren Familien-Zusammenhalt eine Lösung herbeigeführt, die für alle Parteien in zufriedenstellend ist. Es lohnt sich für seine Überzeugung einzustehen! Und beim nächsten Mal bin ich auch wieder schlagfertiger. Das passiert mir kein zweites Mal.

An alle Frauen da draußen, die ihr Kind länger stillen (wollen): Lasst Euch nicht verunsichern – stillt, so lange es sich für Euer Kind und Euch gut anfühlt! Da schenkt Ihr genau dem Richtigen Eure Geborgenheit und Aufmerksamkeit – Eurem Kind!

Gut zu wissen: Facts über das Still-Verhalten weltweit 
– STILLEN IST PEINLICH sagen MÜTTER: zu 47% in China und zu 41% in Frankreich. In Deutschland sind es immerhin 19%!
– 2-jährige Kinder zu stillen empfinden 57% deutscher Mütter unpassend.
– ‚Babys sollen 6-12 Monate gestillt werden‘ sagen diese Länder: Brasilien, China, Deutschland, Ungarn, Mexiko, England und USA. Frankreich reichen 3-6 Monate (und nur 31% der Frauen erreichen dieses Ziel!), die Türkei will sogar 12-24 Monate stillen!
– Die nationale Stillkomission, ein Expertenkomitee vom Bundesinstitut für Risikobewertung, empfiehlt 6 Monate ausschließliches Stillen (wie auch die WHO & UNICEF!) gefolgt von Beikost unter dem Schutz des Stillens und eine Gesamtstilldauer von 24 Monaten und darüber hinaus!
– 82% der Kinder in Deutschland werden nach der Geburt gestillt. Die Stillquote sinkt in den folgenden Wochen deutlich; nach dem 5. Monat stillen nur noch 25.5% der Frauen! Viele Frauen stillen zwischen der 3. und 8 Woche ab; die Still-Empfehlungen werden also meistens NICHT eingehalten, obwohl Frauen zu 96% angeben, zu wissen, dass Stillen das Beste für ihr Kind ist.
– Die durchschnittliche Stilldauer liegt bei insgesamt 7,5 Monaten.

(Quellen: Robert Koch Institut (KiGGS Studie) und Lansinoh Stillumfragen von 2014 und 2017):

Und weil dieser Artikel eh schon über 1.900 Wörter hat, von denen keins umsonst ist, hier noch meine grundsätzlichen Gedanken:
– Die gesellschaftliche Akzeptanz für’s Stillen liegt bei uns bei ca. 1 Jahr. Danach spricht man direkt vom „Langzeitstillen“. Die Gesellschaft drängt Frauen deshalb zum Abstillen: „Stillst Du etwa noch?!“ „Das Kind kann doch schon laufen (und reden)?!“ „Isst es denn noch gar nichts?“ und „Ja, willst Du denn nicht auch mal endlich wieder Alkohol trinken?“ „Der klammert aber sehr an der Mutti!“
– Zudem unterstellt man dem Stillen, die Entwicklung der Eigenständigkeit des Kindes zu hemmen und außerdem, eine zu große Abhängigkeit an die Mutter zu schaffen.
– Stillen wird auch als aufopfernd und einschränkend für die Mutter gesehen
– Frauen sollen schneller wieder wirtschaftlich werden, in den Beruf zurückkehren (und nicht zu Hause ’nichts‘ tun); Stillen ist dabei nur hinderlich.
– Oft sind auch die Partner am Abstillen interessiert: Damit die Brust (eigentlich ja ihr Eigentum) wieder sexualisiert werden kann und der Partner sie nicht länger mit dem Kind teilen muss.
– Die Brust kann ALLES regeln und so hat Mama die Allmacht; das könnte auch jemandem ‚unschön aufstoßen‘?!? –> Mit einer Flasche kann auch jeder andere das Kind ernähren.
–  In der Eingewöhnungsphase in Kindergärten wird auch oft zum Abstillen geraten, damit das Kind eine Beziehung zu den Erzieherinnen aufbauen kann. Gestillte Kinder können also keine Beziehung zu anderen Personen aufbauen? Meins kann!

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2 Antworten zu „Bitte verzichten Sie auf das Stillen Ihres Sohnes beim Abholen“. – Nein, kein Café, kein Bus – Schauplatz unser Kindergarten!

  1. 

    Die Art und Weise, wie mit dir umgegangen wurde, finde ich alles andere als schön. Wenn ich bedenke, wie viele Eltern ihren Kindern beim Abholen die Gummibärchen in den Mund schieben, damit sie artig bis zum Auto laufen, finde ich das weit bedenklicher als der liebevolle Umgang deinerseits.
    Und auch, wenn es für Außenstehende befremdlich ist, hat die Leiterin wohl einige Kompetenzen nicht erworben. Denn was haben Handwerker unangemeldet im SCHUTZraum – ja, da muss man die Kinder schützen – zu suchen? Wer schützt dein Kind, das jetzt einfach aus dem kuscheligen Raum rausgerissen und durch den Kindergarten getragen werden muss, bevor es an die Brust darf?

    Ich finde es toll, dass dein Mann sich so für dich, für euch, einsetzt. Und auch, dass du dir selbst treu geblieben bist.

    Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

    • 

      Liebe Julie,

      danke für Deine Worte. Ich habe auch als erstes gedacht: Moment – WIR, WIR sind eine sensible Familie – DARUM stille ich den Muck ja auf SEIN Bedürfnis hin noch! Ich hatte auch den Gedanken, dass bei der Bitte nicht der Schutz der Allgemeinheit im Vordergrund stand – sondern, dass es sich vielleicht um eine persönliche Ansicht handelte? (Um den Schutz meines Kindes ging es zumindest nicht). Aber am Ende sind wir alle einen Schritt aufeinander zugegangen, damit ein weiteres, gutes Verhältnis im Sinne der Kinder möglich ist. Auch dazu hat mein Herr Lampenhügel beigetragen.

      Tjaja und ich versuche schon, alles gut zu machen und muss gestehen – auch bei mir gibt es manchmal ein Gummibärchen. Ganz gezielt! Aber auch das ist ok, wenn es nicht alltäglich ist!

      Viele liebe Grüße zurück – schön, so eine Rückmeldung zu bekommen!

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