Ein KinderNEIN und dessen Akzeptanz.

7. Oktober 2018 — 4 Kommentare

Wir wollen doch alle, dass unsere Kinder selbstsichere, sich vertrauende, eigenständige und entscheidungsfähige Menschen werden. Oder?
Warum stellen wir Erwachsenen dann häufig ihre Entscheidungen infrage oder akzeptieren sie nicht? Gilt ein KinderNEIN etwa nur dann, wenn es uns Großen passt?
Kinder sollen ihre Bedürfnisse doch äußern können und außerdem so frei sein, Angebote annehmen oder ablehnen zu dürfen – ihre Entscheidungen, egal, wie sie für den Fragenden ausfallen, sollten akzeptiert werden. Ich rede nicht davon, dass Kinder mal trotzig sind und alles inklusive der Mama doof finden, oder dass z.B. eine Kindergruppe jemanden kategorisch ausschließt; ich rede von einem NEIN auf eine gestellte Frage! Man kann Kinder natürlich nicht alles entscheiden lassen -meine würden nie wieder Zähne putzen-  aber sie haben doch ein Recht darauf, gehört zu werden.

Theesi BeitragsbildWie ich zu diesen Überlegungen kam: In kurzem Abstand habe ich zwei Erlebnisse gehabt, in denen Eltern KinderNEINs nicht gelten ließen und sie mit allen Mitteln der Kunst versuchten, das NEIN durch Überzeugungsarbeit zu einem JA hinzubiegen oder zumindest zu einem VIELLEICHT. Das hat mich berührt und ich fand, dass sie damit ihre Kinder übergehen. (Um ihnen in einer nächsten Situation wieder nahezulegen für ihre Meinung einzustehen und nicht einzuknicken!) Wie verwirrend.

2 Beispiele aus dem Leben:
Während Abbi einen Kurs besucht, haben der Muck und ich 1 Std. qualitative Zeit. Muck und ich verbringen diese Zeit meist Fußball spielend auf dem Schulhof nebenan. Eine Bekannte gesellt sich mit ihrem etwa 8 Monate jüngeren Sohn zu uns und der fragt den Muck auf Anweisung hin, ob er mitspielen darf. Der Muck nimmt seinen Ball hoch und antwortet: ‚Nein, das gehte nich, ich wille lieber mit meine Mama alleine spielen.‘ Für mich: Situation geklärt. Der Sohn trollt sich und sucht sich etwas anderes zum Spielen; auf dem Schulhof gibt es einige Angebote. Die Mutter aber wendet sich dem Muck zu und spricht ein bedauerndes: ‚Ooooh! DAS ist aber UNfreundlich von Dir, MUUUCK! Warum lässt Du… -Franz- nicht mitspielen? Jetzt ist der -Franz- aber traurig!‘.

Interessant! Warum war Muckens Antwort für mich nachvollziehbar und meines Erachtens sogar sehr einfühlsam überbracht – für die andere Mutter aber nicht akzeptabel? Ich bin in vielen Situationen ein Vertreter von Einbeziehen und Teilen – aber: Hier hatte man den Muck gefragt und er hatte eine Entscheidung getroffen! Sie war ihm zugunsten ausgefallen; ganz egoistisch! Gut! Egoistisch sein verbinden wir sogleich mit etwas Negativem – das ist es aber nicht! Es bedeutet seine eigenen Bedürfnisse zu erkennen und sie auch zu bedienen. (Und nicht zugunsten anderer zu entscheiden…!) Genau das wollte die Frau aber erreichen; sie setzte beim Muck nach: ‚Vielleicht überlegst Du nochmal mit dem Fußballspielen, DAS wäre WIRKLICH nett!‘. Ich war baff;  – sie redete dem Muck ein schlechtes Gewissen ein! Ich erklärte ihrem Franzl, dass wir vielleicht später zusammen spielen könnten; jetzt erst einmal nicht. (Und dem Muck erklärte ich später, dass ich es total in Ordnung von ihm fand und ihn leider nicht ordentlich verteidigt hatte!).
Es wäre übrigens auch ok für mich gewesen, wenn sich die Situation andersherum abgespielt hätte: Wenn also der andere Junge den Muck nicht mitspielen lassen wollte; auch schon öfter passiert. Steht es mir da etwa zu, dem Jungen das Spielen mit dem Muck aufzuschwatzen? Ich finde nicht.

2. BEISPIEL:
Eine Freundin besucht uns planmäßig mit ihrer Tochter; das Mädchen schleckt an einem Riesenlolli. Gut; war nicht besonders geschickt, nur mit einem dieser Mega-Lollis in einem 2-Kleinkinderhaushalt aufzuschlagen; der Fortgang ist ja Programm. Die Muckligen stratzten natürlich sofort hin und wollten auch mal an dem Lolli lecken. ‚NEIN!‘ war die wenig überraschende Antwort der Tochter. Auch hier: Für mich völlig nachvollziehbar! Der Mutter war das NEIN allerdings unangenehm und sie wollte ihr eigenes Missgeschick, nur einen Lolli dabei zu haben, jetzt über das Kind ausbügeln! Sie redete und redete auf ihre arme Tochter ein, die anderen Kinder ‚doch bitte wenigstens EINmal an ihrem Mega-Lolli lecken zu lassen‘ und sie solle jetzt ‚bloß nicht so zickig sein!‘ und so weiter. Das Mädchen blieb aber standhaft bei ihrem NEIN (wie stark!). Und ich unterstützte sie darin: Das war doch IHR Lolli; nicht der ihrer Mutter, und darüber dürfe SIE bestimmen. Trotzdem hakte die Mutter immer wieder nach… Es blieb beim NEIN.

In dem Fall hätte ich meinen Kindern eine Ersatzsüßigkeit anbieten können… Sie bekommen annähernd täglich Süßes, wenn sie danach fragen; in Maßen. Aber ich finde, dass nicht immer alle Kinder sofort alle alles gleich haben können. Ich renne ja auch nicht ins nächste Geschäft und kaufe eine singende Puppe, nur weil die Cousine jetzt eine hat! Später gab es dann noch ein Eis – für alle; das hatte aber mit dem Riesenlolli nichts mehr zu tun.

FRAGE:
Warum ist es für Erwachsene manchmal so schwierig ein KinderNEIN anzunehmen? Wahrscheinlich ist es in verschiedenen Situationen ein Mischmasch aus Gefühlen: Wenn z.B. der eigene Nachwuchs ein NEIN von einem anderen Kind bekommt: Ablehnung, mit der man selbst nicht gelernt hatte umzugehen – und Enttäuschung; die will man dem eigenen Kind ersparen. Vielleicht ist auch Scham dabei (wenn das eigene Kind NEIN zu anderen sagt)? Man will ja gemocht werden und die Kinder sollen dementsprechend auch am liebsten gefallen. Da schmückt es sich wenig, wenn sie durch NEINs glänzen; macht einfach nicht soviel her! Vielleicht schwingt aber auch Unsicherheit bei den Erwachsenen mit – man hat ja gerne alles im Griff und die Kinder gehören mit dazu. Wenn die sich aber nun so gar nicht verhalten, wie man es von ihnen erwartet oder wie man meint, dass andere es von ihnen erwarten….? Unangenehm.

Wenn ich den Spieß mal umdrehe und mir vorstelle, dass ich ein Eis habe und eine Bekannte daran lecken möchte – da sage ich doch vielleicht auch NEIN! Und wenn meine Mutter mich trotz meiner schon kundgegebenen Verneinung immer wieder dazu auffordern würde, die Andere doch mal bitte lecken zu lassen, fände ich das sicherlich saudoof! Ich wäre auch verunsichert ob meiner Entscheidung, (bin ich zu egoistisch?), und würde mir auch Gedanken über die Loyalität meiner Mutter mir gegenüber machen. Im Grunde ist es eine Vertrauenssache. Was für ein Rattenschwanz an Gefühlen!

Neulich habe ich selbst ein NEIN vom Muck kassiert und war nicht ganz unschuldig im Bereich der Frage-Frequentierung: Ich wollte, dass er zum Turnkurs geht, von dem ich dachte, dass es ihm Spaß bereite. Beim ersten Fragen wollte er auch hingehen, einen Tag später hieß es aber NEIN und den 2. Tag darauf auch. Und weil ich aber soo gerne wollte, dass er hingeht, fragte ich ihn Tage später NOCHMAL. Und als er leicht genervt zum wiederholten Mal sein NEIN wiederholte, habe ich es endlich auch verstanden: NEIN. Jetzt turnt er; als Einziger aber auf meinem Schoß herum, während unser gesamter Kindergarten beim Kurs mitmacht!

Fazit: Ich finde es wichtig, dass Kinder lernen mit (kleinen) Enttäuschungen, also Ablehnung umzugehen; das Leben bringt sie nun mal mit sich und darauf man sollte man besser vorbereitet sein…! Zum Anderen müssen sie unbedingt lernen NEIN zu sagen! Es ist wichtig und sogar notwendig, dass sie in erster Linie über sich, über ihre Gefühle und über ihre Sachen bestimmen lernen – sie sollen ja stark und mutig sein und sich positionieren! Genau DAS wollen wir ihnen doch beibringen?! (Man bedenke z.B. Gemeinheiten, die ihnen widerfahren könnten oder Übergriffe jeglicher Art, da müssen sie doch klar NEIN sagen!.) Also JA – ich bin glücklich über fast jedes NEIN; das ist zu akzeptieren!

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4 Antworten zu Ein KinderNEIN und dessen Akzeptanz.

  1. 

    So ein wichtiger Beitrag, ich stimme voll und ganz zu. Mein Beispiel: Meine fast 3-jährige Tochter hat für ihr Alter sehr lange schöne Haare. Ich würde ihr so gerne jeden Tag Zöpfchen machen, doch ich kassiere fast immer ein „Nein“. Da fiel es mir anfangs schwer, das zu akzeptieren. Doch ich möchte ja auch nicht, dass jemand über meine Frisur entscheidet, warum ihr dann meinen Wunsch aufschwatzen?

    Liebe Grüße
    Britta von http://www.fulltime-mami.blogspot.de

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    • 

      Liebe Britta, ich danke Dir für Deinen Kommentar! Ja, es fiel mir wie Schuppen von den Augen, als ich mir bewusst machte, wie ich sowieso schon handelte – jedem sein Recht auf eigene Meinung! Das mit den Zöpfen ist ja auch sicherlich gut gemeint von Dir! – und meine Tochter, die relativ spät relativ helles und feines Haar bekommen hat, freut sich jedes Mal wie bolle, wenn ich ihr Zöpfe mache; also überhaupt machen kann! So unterschiedlich ist das. Bei Dir lese ich jetzt bestimmt auch gerne! Viele Grüße, Frau Lampenhügel

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  2. 

    Sehr schöner Text, danke! Ja, wir wünschen uns, dass unsere Kinder als Erwachsene stark und selbstbewusst sein werden und auch gegen äußeren Widerstand für sich einstehen können – also müssen wir sie genau das als Kinder leben lassen! Herzlichen Gruß, Sunnybee

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    • 

      Hallo Sunnybee, ja, das Starkmachen und Lebenlassen ist so eine Aufgabe… wenn man sich immer wieder Dinge bewusst macht, kriegt man den ‚Goldenen Mittelweg‘ vielleicht ganz gut hin. Ich wünsche Dir/Euch einehrliches Beisammensein auf Augenhöhe! Frau Lampenhügel

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