Das Sandmädchen

2. Oktober 2016 — Hinterlasse einen Kommentar


Wir waren im Urlaub am holländischen Strand. Der Urlaub war sehr schön, da das Wetter unverhofft fantastisch war und wir einen noch anhaltenden Spätsommer genießen konnten. Am letzten Tag aber kam es zu einem Erlebnis, das mich ins Grübeln brachte. Über die folgende Frage hatte ich schon einige Male sinniert und jetzt war sie wieder da:

Was wäre aus mir geworden, wenn ich nicht da groß geworden wäre, wo ich groß geworden bin? Beziehungsweise, wenn mich nicht die Menschen beim Großwerden begleitet und geleitet hätten, die das getan haben? Was für ein Leben würde ich heute führen und wo? Welche Werte hätte ich?

Voraussetzungen
Meine Heimat waren: Mama, Papa und ein jüngeres Geschwisterkind. Wir lebten in einem beschaulichen Stadtrandgebiet, wo ich zwischen Apfelplantagen, Sträuchern und auf Wiesen herumtollte und Stockhütten baute. Mit meinen Freunden und all den anderen Kindern aus der Siedlung spielte ich auf dem Garagenhof Fußball oder ringsherum Verstecken und die Schule lief auch ok. Das sind ganz gute Grundvoraussetzungen für den Start ins Leben, denke ich… Wir waren bei Gott nicht perfekt; bei uns gab es natürlich auch Probleme! Aber: Ich bin ein ganz guter Mensch geworden (hoffe ich). Bei uns um die Ecke gab es aber auch die weniger gut getroffenen Bezirke; Wohnsiedlungen und auch Kriminalität – ich bin als junges Kind z.B. 2x von Jugendlichen am Körper beraubt worden. Ich hatte also schon früh erfahren, dass es auch eine andere Welt gibt und die war immer ganz nah dran.
Die Fragestellung „Was wäre aus mir geworden?“ hat mich darum schon vielfach beschäftigt.

Qualitative Beziehungen
Bei der Geburt sind ja alle Kinder bis zu einem gewissen Grad gleich und dann: Muss man am besten Glück haben. Man muss am besten das Glück haben, in ein Umfeld geboren zu werden, das einen aufnimmt, annimmt, hochpeppelt und liebt. Dabei ist es ja „relativ“ egal, ob man vermögend ist oder nicht: Emotionale Intelligenz hängt nicht von materiellem Reichtum ab und gibt es überall; oder eben auch nicht. Jedoch macht das sog. „notwendige Übel“, das Geld, zugegebener Maßen vieles etwas einfacher. Aber was also, wenn ich in eine Familie hineingeboren worden wäre, die nicht so war wie meine und die nicht dort gewohnt hätte? Was, wenn es nicht zusätzlich zu meiner Familie wohlwollende Menschen gegeben hätte wie meine Freunde, die Großfamilie, Lehrer oder Nachbarn, sondern Menschen, die sich nicht um mich gekümmert oder mir gar zugesetzt hätten? Wenn mein Leben von Beginn an immer wieder von Verneinung, Gleichgültigkeit, Aggression oder Frust geprägt worden wäre? Wo stünde ich heute? Hätte ich es trotzdem gepackt? Ich wäre wohl ein anderer Mensch geworden. Aber vielleicht hätte ich mich trotz erschwerter Bedingungen erfolgreich durchgebissen.(Ich bin ein Terrier und lasse nicht so schnell locker). Aber zum Glück hatte ich Glück. In vielerlei Hinsicht; nicht in jeder.

Zur eigentlichen Geschichte:
Die Holländer haben das mit der Kinderunterhaltung ja 1A drauf; am Strand befanden sich neben dem modern-lässig, trotzdem ziemlich schicken Pavillon ein großes Trampolin und wirklich schön gemachte Spielgerätschaften aus Holz. So kam es, dass unsere Kinder friedlich an den kindgerechten, niedrigen Reckstangen turnten, nichts von uns wollten und die weitere Spiellandschaft erkundeten. Wir hatten 5 Minuten ‚frei‘ und genossen diese 5 Minuten nebendran im Sand. Da hörte ich ein leises Wimmern. Unsere Kinder waren ok, es war ein fremdes Wimmern und dann war es auch schon wieder vorbei. Ich bemerkte ein etwa 4-jähriges Mädchen, das still und starr neben der Reckstange stand und einen versandeten Lolli in der Hand hielt. Ihr ganzes Gesicht war ebenfalls in Sand gebadet; der Sand klebte in ihren Augen, an der Nase, die lief, an den Wangen und sie hatte auch Sand im Mund. Sie musste gestürzt sein. Ich ging zu ihr, sprach sie vorsichtig an und strich ihr die verklebten Haare aus dem Gesicht; sie brauchte ganz offensichtlich Hilfe. Keine Reaktion von ihr – sie stand regungslos da, hielt ihren Lolli fest und weinte ein paar lautlose Tränen. Dieses Mädchen traute sich nicht zu weinen! Sie suchte auch nicht nach… ihren Eltern? – oder mit wem auch immer sie hier am Strand war. Ich schaute mich um – niemand, der eine Reaktion auf diese Situation hier zeigte, in Sicht. Zugegebener Maßen war ich etwas perplex – meine Kinder hätten laut aufgeheult und nach mir oder ihrem Papa geschrien – und wir wären natürlich zur Stelle gewesen – auch, wenn wir „nur“ gesehen hätte, dass jemand Fremdes vor unserem Kind hockt und ihm hilft. Ich kniete mich also vor sie hin, machte mich kleiner als sie und weil es so windig war, strich ihr noch einige Male die Haare hinter die Ohren. An sich eine fürsorgliche Geste, von der ich mir erhoffte, Kontakt zu ihr herstellen zu können. Aber sie blieb stumm und schaute nur auf den Boden. Es schien mir, als wenn sie mit Schimpfe gerechnet hatte und nicht damit, getröstet zu werden. Irgendwie machte sie sogar einen schuldbewussten Eindruck auf mich – völlig… schlimm! Meine Frage, ob sie sich weh getan hatte, blieb unbeantwortet; vielleicht konnte sie mich gar nicht verstehen – schließlich waren wir in Holland.
Ich säuberte noch ihren Lolli, ohne ihn ihr aus der Hand zu nehmen; denn das, schien mir, war ihr am wichtigsten. Ihr Lolli. Der verschwand dann sofort wieder in ihrem Mund. Ich schaute mich wieder nach ihren Bezugspersonen um, aber ich konnte niemanden ausmachen. Ich machte also weiter – wischte ihr mit meinen Handrücken die gröbsten Sandklumpen aus den Augen und dem Mund und in meiner Hosentasche fand ich noch ein sauberes Taschentuch, in das ich sie schnäuzen ließ. Sie ließ mich bereitwillig machen. Ca. 20m weiter packte ein Paar mit einem -gerade noch- Baby in aller Ruhe die Strandsachen zusammen. Da kam der Muck zu uns und wollte auch helfen: Er pustete sie an – heileheile. Erstaunlich. Ich streichelte ihr nochmal über den Rücken und fragte, ob ihr etwas weh tat. Keine Antwort; aber ich schätzte die Lage so ein, dass sie außer eines Schreckens nichts weiter hatte. Als ich sie in meinen Augen also wieder hergestellt hatte, ließ ich von ihr ab und ging wieder zu Herrn Lampenhügel rüber. Sie spielte jetzt auch weiter.
Wenige Minuten später ging beschriebenes Paar mit dem zweiten Kleinkind an uns vorbei. Als sie uns hinter sich gelassen hatten, riefen sie das Mädchen zu sich, das sofort reagierte und ihnen hinterher taperte. Sie waren es also doch gewesen! Die Eltern (?) – direkt da drüben! Ich kann nur vermuten, dass sie den Vorfall bemerkt hatten. Sie richteten aber kein Wort an das große Mädchen, keinen Blick „was war denn, Schatz?“. Uns beachteten sie auch nicht. Dieses Verhalten hatte ich nicht erwartet – vielmehr hatte ich mit einem kurzen Blick in unsere Richtung oder einem „danke, dass Ihr Euch gekümmert habt“ gerechnet.

Gedankenkarussell
Das Mädchen mit dem Lolli tat mir in diesem Augenblick sehr leid. Es traf mich; dass die vermeintlichen Eltern den Vorfall in diesem Moment unkommentiert ließen. Ich kann natürlich nicht wissen, ob die Situation (hoffentlich) ein Einzelfall war, oder ob so etwas häufiger passiert. Vielleicht war das fast noch Baby gerade letzte Nacht soo anstrengend und die Eltern einfach todmüde und deshalb nicht ganz auf dem Damm? Vielleicht hatten sie auf die Entfernung wirklich nicht gesehen, dass das Mädchen hingefallen war und dass ich mich um sie gekümmert habe? Das wäre zu wünschen! Ich will es auch nicht schlimmer machen als es ist, aber was, wenn sie es doch gesehen hatten und trotzdem nicht reagiert hatten? Was, wenn die Nichtbeachtung an der Tagesordnung steht? Wird es ihr schaden oder nicht, bzw. wie groß wird der Schaden sein? Packt sie es, findet anderswo Anerkennung und wurschtelt sich durch’s Leben? Ich hoffe es!

In diesem Sinne ein Wunschgebet an das Sandmädchen mit ihrem Lolli und alles Liebe.
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